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Ein offener Brief an Alfons Haider

January 25th, 2010 45 comments

haiderdieses Posting bezieht sich auf eine Aussage von Alfons Haider, welche er am 14.01.2010 in der Sendung Willkommen Österreich von sich gegeben hat.

Er sagte, ihm sei es lieber auf seine Optik reduziert zu werden, als auf seine Sexualität (Anmerkung: Alfons Haider ist homosexuell). Nach seinem Outing habe er ein Jahr alle Jobs verloren und sei vom ORF “hinausgeschmissen” worden. Auf Stermanns Frage nach dem Warum antwortete Haider:

“Weil wir in einem verlogenen, verschissenen Land leben”.

Das sei zwar bereits zwölf Jahre her, aber

“es ist heute so: Wir leben heute in einem Land, wo wie in keinem anderen mitteleuropäischen Land – katholisch – so viele Frauen und Kinder verprügelt werden und diese Gfraster schauen alle zu”, so Haider. “Wir leben in einem Land, wo Flüchtlinge wie Tiere behandelt werden und wieder ausgesiedelt werden. Das ist alles dieses coole, wunderbare Österreich. Aber ich liebe es trotzdem – aber nicht das”,

sagte der Moderator.

An diesem Punkt möchte ich anknöpfen.

Sehr geehrter Herr Haider,

meine Name ist Ali Mahlodji und ich bin für in den Augen vieler Österreicher ein “richtiger Tschusch“.

Ich bin aber auch Perser, Österreicher und Wiener aus Überzeugung, Steuerzahler und im Grunde ein weltoffener Europäer mit Brückenschlagqualitäten zwischen Ost und West.

Ich verstehe Ihre Aussage, welche Sie  in der Sendung “Willkommen Österreich” von sich gegeben haben, bzw. Ihre Motivation dahinter.

Auch ich sehe, dass dieses Land in vielen Punkten nicht immer eine Vorbildwirkung hat und es hier sehr viele offene Baustellen gibt:

  • Frauen und Kinder werden geschlagen, und das tagtäglich.
  • Ausländer werden behandelt wie Tiere, in Auffanglagern zusammengepfercht und behandelt, als wären sie Diebesgut.
  • Eine Ministerin Fekter sorgt in ihrer wichtigen Rolle auch immer öfter für Kopfschütteln.
  • Ein HC Strache kann eigentlich tun was er will und wird nicht eingedämmt – außer er ist bei “Wir sind Kaiser“. Da hat man gesehen, dass er ohne seine Spickzettel und seine Karterln nicht wirklich was am Kasten hat – außer er hat vorher schon 3 Spritzer intus.
  • Wir haben die letzten Jahre aufgrund eines Falles Kampusch und einer im Keller eingeschlossenen Familie (Fall Fritzl) internationales Aufsehen erregt.
  • und auch die Berichterstattung eines Franz Fuchs geht auf unsere Kappe
  • und und und

Ich selbst bin seit knapp 26 Jahren in Österreich, habe die Staatsbürgerschaft und bin seit meinem 18. Lebensjahr berufstätig, zahle Steuern und kann Wienerisch reden als hätte ich Edmund Sackbauers DNA.

Dennoch weiß ich ganz genau, dass diese Argumente nichts zählen, wenn ich einer Gruppe von Rechtsradikalen begegne.

Ist dies aber ein Grund, das Land an sich zu werten? Ist es nicht eher so, dass Negatives sehr gerne breit getreten wird und nur der Kurzsichtige diese auf ein Kollektiv bezieht?

Ich kann mich gut in Sie hineinversetzen, da ich in meiner Zeit in Österreich sehr oft Opfer und Zeuge von unfairer Vorkommnissen geworden bin. Und das Schlimmste war, als jeder nur weg sah und darauf hoffte, dass “irgendwer” es schon richten wird.

Ich habe eine Flucht über die Grenzen der Türkei miterlebt, das Flüchtlingsheim Traiskirchen durchlebt, wurde mit meiner Familie bis zu meinem 11. Lebensjahr in insgesamt 13 unterschiedlichen Wohnungen untergebracht und habe zusehen müssen, wie meine Eltern, welche im Iran Akademiker und Führungskräfte waren, in Wien als Analphabeten behandelt wurden.

Und wenn einige “Freunde” zu mir sagen: “du bist ja eh kein Ausländer Ali, du sprichst deutsch und hast dich super integriert” dreht sich mir alles um. Ich erwidere dann zumeist, ob ihnen denn bekannt ist, dass ich Ali heiße, südländisch aussehe und bei FPÖ Kundgebungen schon mal als braune Sau beschimpft wurde. Alles Dinge, welche im Widerspruch zu einem echten Österreicher stehen.

Dennoch habe ich mit meinem 12. Lebensjahr aufgehört das Land Österreich für irgendeines dieser Dinge verantwortlich zu machen.

Grob gesagt,

solange es auch nur einen Österreicher gibt, der weltoffen und weitsichtig agiert, Missstände aufdeckt, diese anklagt und hilft, solange hat Österreich nichts mit einem beschissenen Land zu tun – nicht annähernd.

Was Sie in Willkommen Österreich bezüglich der Vorkommnisse in diesem Land gesagt haben, stimmt vollkommen. Was aber die Bezeichnung und Kategorisierung als “beschissenes Land” betrifft, muss ich einhaken und darauf bestehen, dass Sie diese Aussage bitte richtig stellen.

Österreich ist kein “beschissenes” Land. Es gibt immer Menschen, welche falsche und unaussprechlich schlimme Dinge tun. Meist sitzen diese sogar in verantwortungsvollen Positionen und ihr Wirken verletzt viele Menschen und verbaut ihnen die Zukunft.

Aber Österreich ist gleich einer tollen Verkehrskreuzung und keiner Einbahnstraße. Eine Verkehrskreuzung, auf welcher jeder selbst entscheiden kann, in welche Richtung es gehen soll. Und zwar ganz ohne gedrängt zu werden (Einfluss der Eltern ausgenommen).

Mir wurde in der Unterstufe von sogenannten “Schulberatern” und “Pädagogen” geraten, doch eine Lehre oder einen Job auf einer Baustelle einzuschlagen. Dies wurde mit meiner “Herkunft” als Flüchtling begründet. Ich hörte immer, ich sei aufgrund meiner Vergangenheit (ich war bitte grad mal 12 Jahre alt) nicht für eine höhere Ausbildung bereit.

Es wäre für mich zu leicht gewesen, alles auf das “beschissene Österreich” zu schieben und innerlich aufzugeben, weil “man ja eh nichts ändern kann”.

Ich hatte aber den Weitblick, mich für das “andere” Österreich zu entscheiden.

  • ein Österreich der Chancen, der Optionen, des Wachstums und der Freiheit.
  • ein Österreich, in dem Bildung nicht nur den Privilegierten zusteht.
  • ein Land, in welchem Studenten mit friedlichen Protesten einen Minister dazu bewegen können, Millionen aus der Notkassa für ihre Anliegen, auszugeben.
  • ein Land, in welchem einer der besten Stürmer Ivica Vastic hieß und im AT-Dress “sein” Land vertreten hat.
  • ein Land, welches Integrationsklassen eingerichtet hat (die Qualität dieser Projekte ist ein anderes Thema)
  • ein Land, in dem jeder entscheiden kann, wohin es gehen soll.
  • ein Österreich mit der Lebensqualität eines 5-Sterne Hotels.
  • ein Österreich mit frischen und kostenlosen Trinkwasser.
  • ein Österreich mit Rechtssicherheit.
  • ein Land, in dem eine Familie bei Jobverlust des Einkommensträger eine Zeit lang vom Staat unterstützt wird.
  • ein Land, in welchem man dem Unmut im Fernsehen Luft machen kann ohne Konsequenzen zu befürchten.
  • ein Land, in dem jede Stimme zählt.

Falls Sie jemals in Kuba oder dem Iran waren, werden Sie wissen, dass diese Menschen uns beneiden. Nicht vorwiegend wegen dem Geld oder unserem Lebensstil. Sondern wegen unserer Freiheit und der Möglichkeit, zu tun, was WIR wollen (solange es gesetzlich erlaubt ist).

In diesen Ländern passieren solche Dinge, welche Sie in “Willkommen Österreich” erwähnt haben, genauso. Nur kommt dort hinzu, dass die Stimme des Volkes nichts zählt und Menschen unter dem Vorwand der Sicherheit, bzw. der Religion wie Schafe geführt werden. Es gibt eine Richtung und entweder ist man dabei oder gleich ein “Extremist”, “ein Regierungsgegner”, “ein Terrorist” und was sonst noch als “Gegner” gilt.

Österreich ist das Land, in welchem ich die Möglichkeit hatte, als Schulabbrecher (ein halbes Jahr vor der Matura hat es mir dann gereicht) zwei Ausbildungen, davon eine akademische, zu absolvieren und gleichzeitig am Arbeitsmarkt aktiv zu werden.

Es ist das Land, welches mir “Tschuschen”, der mit dem Stempel “mach lieber einen Job am Bau” geprägt war, die Möglichkeit gab, mit nur 27 Jahren als internationaler Berater tätig zu sein.

Ich habe in all diesen Jahren sehr oft Widerstand und Skepsis gegen meine Person erlebt, aber ich habe mich immer wieder entschieden, MEIN Österreich zu nutzen und es zu bereichern. Denn nur mit diesem Denken öffnet sich das positive und das lebenswerte … eben auch in Österreich.

Österreich hat es nicht verdient, mit dem Wort “beschissen” in Verbindung gebracht zu werden. Auch wenn so manches “beschissene” in unseren Breitengraden passiert.

Beschimpfen Sie nicht ein ganzes Land und das damit verbundene Volk. Niemand hat es verdient mit schwarzen Schafen in einen Topf geworfen zu werden.

Ich wünsche Ihnen ein schönes 2010 und freue mich über einen Gedankenaustausch. Am Besten in einem richtigen Wiener Beisl :-)

Besten Gruss,

Ali Mahlodji

PS: es vergeht auch heute teilweise kein Monat, in dem ich nicht darauf hingewiesen werde, “hier nicht dazuzugehören” – aber ich nehme mir nicht die Zeit, mich auf diese Wertung einzulassen

Superhelden gewünscht – das wahre Gesicht in der Krise

September 20th, 2009 No comments

Es ist (immer noch) Weltwirtschaftskrise und ich wollte daran eigentlich nicht teilnehmen.

Aber egal ob es das Fernsehen, das Radio oder etwaige digitale Medien sind, überrannt wird man von diesem Thema Tag ein, Tag aus.

krise

Hinzu kommt, dass die Weltwirtschaftkrise auch gerne als die Wurzel allen Übels herhalten muss. Zum Glück habe ich noch keine erfolglose Fussballmannschaft gesehen, deren Trainer sich auf die Krise ausredet :-)

Gerade in vielen Unternehmen zeigt die Krise, welche Potential im Management steckt. Es ist vollkommen klar, dass viele Unternehmen hart getroffen wurden und daher Einschnitte notwendig, ja sogar überlebenswichtig, waren.

Kosten zu sparen ist nicht falsch, jedoch kommt es darauf an, wie man diese Optimierung der Ressourcen umsetzt und worauf der Fokus gesetzt wird.

Um es kurz zu machen … Kostenersparnis mit Kündigungen und Einsparungen im Peoplemanagement gleich zu setzen ist etwas sehr kurzfristig. Vor allem, wenn diese Unternehmen in anderen kostenfressenden Bereichen keine signifikanten Einsparungen vornehmen, sondern mit Augenauswischerei die Kostenstruktur rechtfertigen.

Ich habe in meinem beruflichen und privaten Leben eines gelernt:

In Krisenzeiten zeigt sich gutes Management, gute Führung und intelligente Kommunikation.

Etwas salopp formuliert … in (relativ) krisenfreien Zeiten ist es einfach, “gute Ergebnisse” zu erzielen. Die wahre Stärke guter und nachhaltiger Manager zeigt sich aber genau in den Zeiten, in denen Rückgrat gefordert ist.

In Diskussionen erlebe ich immer wieder diese kurzfristige Denkweise und die abenteuerlichsten Ausreden. Natürlich sind Entlassungen eine Möglichkeit, signifikant Kosten zu senken, aber es darf einfach nicht die erste Option sein, welche herangezogen wird.

Mitarbeiter binden sich nicht nur über einen Lohnzettel an das Unternehmen.

Was Unternehmen als Motivation und eigenem Antrieb gerne von Mitarbeitern fordern, dürfen sie in Krisenzeiten nicht abwerten, indem sie Mitarbeiter als reine Kostenstelle ansehen.

Nicolas Hayek, Gründer und Boss von Swatch, dem schillernden Uhrenhersteller aus der Schweiz, hat vor Kurzem in einem Interview angeführt, dass sein Unternehmen aufgrund der Krise keine Leute entlässt. Er gibt offen zu, dass die Krise sein Unternehmen genauso hart getroffen hat, wie viele andere Unternehmen auch.

SCHWEIZ SWATCHHayek erklärt, dass Mitarbeiter eine Investition sind und Swatch beim Eintritt der Krise vorerst andere Bereiche, als die der Personalstruktur, stark unter die Lupe genommen hat. Dies ist natürlich eine Aussage, welche auch das eine odere andere Unternehmen von sich gegeben hat, bevor tausende Personen entlassen wurden und wenige Monate drauf gigantische Mega-KickOffs in Übersee abgehalten wurde.

Jedoch ging Swatch einen Schritt weiter und war sich die ganze Zeit über bewusst, dass die Krise nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist und damit irgendwann vorbei sein wird. Hayek und sein Team wissen, dass man Vertrauen der Mitarbeiter nur Stärken kann, wenn man auch in schlechten Zeiten zueinander steht. Mit diesem Denken in der Unternehmensführung wird kurzfristiges Handeln (hoffentlich) nicht als Lösung herangezogen.

Unternehmen, welche heute Wissensträger entlassen (“die Krise zwingt uns dazu”) und diese dann in einem halben Jahr wieder einstellen (gibt es wirklich!), haben Nachhaltigkeit und intelligentes Management nicht verstanden.

Die Krise hat viele Leute sehr hart getroffen und wird dies sicher noch tun. Und ich halte die Daumen, dass es nicht mehr viele Menschen sein werden, die diese Auswirkungen zu spüren bekommen, aber eines muss uns immer bewusst sein:

Krisen passieren und die meisten davon können wir nicht beeinflussen … wir können aber beeinflussen WIE wir reagieren.

Sei dies jetzt im kleinen, privaten Kreis oder in einer Managementfunktion.

Einschnitte sind sehr hart, aber Vertrauen und Stärke dürfen nicht durch unintelligentes Optimieren aufs Spiel gesetzt werden.